Das Wort „Anamorphose“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Umformung, Umgestaltung“. Es benennt die verzerrte Darstellung eines Motivs, die auf eine bestimmte Weise (durch die perspektivische Betrachtung aus dem richtigen Standpunkt oder mit Hilfe eines speziellen Spiegel- oder Prismensystems) richtig entzerrt werden kann.
Der Begriff der Anamorphose wird, je nach Hilfsmittel das gebraucht wird, um den Inhalt der Darstellung zu entschlüsseln, in verschiedene Arten unterteilt.
Jene Anamorphosen, die mit Hilfe eines speziellen Spiegels oder Prismen Systems das Motiv preisgeben, werden „katoptrische Anamorphosen“ (griech.: „katoptron“= Spiegel) genannt.
Diejenigen, die dafür aus einem festgelegten Standpunkt betrachtet werden müssen, heissen „perspektivische Anamorphosen“ oder auch „Längenanamorphosen“. Der zweite Name kommt daher, dass das Bild, um die perspektivische Verkürzung auszugleichen, in die Länge gezogen wird.
Im Allgemeinen stellen Anamorphosen eine Augentäuschung dar. Der Überbegriff dafür lautet „trompe l’oeil“ (frz.: „täusche das Auge“).
Die täuschende Wirkung der Anamorphose wird nur aus einem gewissen Standpunkt oder mit Hilfsmitteln erkennbar, wogegen andere Arten des trompe l’oeil von überall betrachtet und ohne zusätzliches Hilfsmittel eine täuschende Wirkung aufweisen. Ein Beispiel für solch ein trompe l’oeil ist „Bücher in der Nische (Lünette des Propheten Jesaja)“ vom Meister der Verkündigung von Aix. Die Bücher und die Nische wurden so realistisch auf den ebenen Untergrund gemalt, dass das Auge des Betrachters aus allen Blickwinkeln getäuscht wird.
Die Anamorphose ist ein Phänomen, welches kurz nach der Erfindung der Zentralperspektive im 15. Jahrhundert entdeckt wurde.
Der Zentralperspektive nach fliessen parallele Linien, die in die Tiefe gehen, in einem Fluchtpunkt auf Augenhöhe des Betrachters zusammen. Zudem wird ihre Länge dabei durch die Perspektivische Verzerrung gekürzt.
Die Anamorphose nutzt diesen Effekt um das Gegenteil der Tiefenwirkung zu bezwecken. Dazu kehrt sie die Zentralperspektive um. Wenn parallele Linien, die in die Tiefe gehen, in der perspektivischen Ansicht aufeinander zu fliessen, muss man um die Tiefenwirkung aufzuheben, die Linien in der parallelen Aufsicht voneinander weg laufen lassen. Zudem können die Linien verlängert werden um die Perspektivische Verzerrung auszugleichen.
Ab dem 16. Jahrhundert wurde die Anamorphose häufig im Zusammenhang mit Architektur verwendet um die Deckenwölbung in Kirchen mit einem Deckenfresko optisch auszugleichen.
Auch wurden Anamorphosen genutzt, um Themen mit zweideutigem Inhalt zu verarbeiten oder um die Kunst zu relativieren.
Das wohl bekannteste Beispiel einer Anamorphose, die mit diesem Nutzen in ein Gemälde integriert wurde, ist „Die Gesandten“ von Hans Holbein dem Jüngeren. Unten im Bild befindet sich ein von vorne betrachtet undefinierbarer Fleck, der aus dem anamorphotisch richtigen Standpunkt einen Schädel zeigt.
Viele Künstler nutzten die verhüllende Wirkung der Anamorphose um Bilder mit verbotenem oder erotischem Inhalt zu veröffentlichen.
Zudem wurden verzerrte Darstellungen auch genutzt um verschlüsselte Botschaften zu vermitteln. Da der einzige Standpunkt, aus welchem der Inhalt richtig gesehen werden kann, oft nicht leicht zu erkennen war, bot dies eine zusätzliche Sicherheit der Codierung.