Dokumentation und Reflexion

Vorgehensweisen

Um meine Umsetzungen zu entwickeln, musste ich erst in der Such- und Experimentierphase lernen, die Funktionsweise der Anamorphose praktisch zu verstehen. Dafür habe ich mit der Anamorphose experimentiert und unterschiedliche Vorgehensweisen erprobt.

Versuch und Irrtum

Um mich erst an das Denk- und Handlungsprinzip der Anamorphose zu gewöhnen, probierte ich durch Versuch und Irrtum Anamorphosen zu erstellen. Diese Phase forderte Fähigkeiten wie Konzentration, Vorstellungsvermögen und den Mut, etwas Ungewöhnliches zu wagen. Zudem ermöglichten mir diese praktischen Experimente Einblick und ein erweitertes Verständnis im Umgang mit Anamorphosen, was bei den Umsetzungen schliesslich Voraussetzung war.
Die Abbildungen 9-11 zeigen ein Beispiel meiner Versuche aus dieser Phase. Auf der Rückwand der Kartonschachtel wurde der Boden optisch weitergeführt, sodass der Raum aus dem anamorphotisch richtigen Standpunkt grösser wirkt.


In der Such- und Experimentierphase erprobte ich auch einige Möglichkeiten den dreidimensionalen Effekt der Anamorphose zu verstärken. Sie sind auf der nächsten Seite abgebildet.
Beim fotografischen Festhalten von Anamorphosen ist es wichtig, die Perspektive des Raumes zu zeigen. Ansonsten kann sie sich nicht von einem üblichen Bild, das parallel fotografiert wird, abheben. Regelmässige Linien oder Karomuster können dazu dienen die Perspektive anzuzeigen. Auch habe ich bemerkt, dass der Schatten einer Hand, der mit der Anamorphose eine Interaktion eingehen will oder dreidimensionale Objekte, die zum Vergleich neben der Anamorphose stehen, diese stärker aus der Ebene hervorheben und so ihre dreidimensionale Wirkung verstärken (vgl. Abb. 12 und Abb. 22).


Auch kann dieser Effekt verstärkt werden, indem das Papier zum Teil den Konturen des Motivs nach zugeschnitten wird. Es wirkt dann, als würde das Objekt tatsächlich über das Blatt hinaus ragen (vgl. Abb. 13 und Abb. 15-21).


Im Allgemeinen haben Anamorphosen, die mehr als nur eine Fläche übergreifen einen stärkeren dreidimensionalen Effekt. Durch die von der Ebene abweichenden Wände wirkt das Bild automatisch räumlicher und hebt sich von der Fläche ab (vgl. Abb. 14)


Beim Sammeln von Erfahrungen durch Versuch und Irrtum bemerkte ich, dass diese Vorgehensweise mit zunehmend grösseren Dimensionen des Bildes immer beschwerlicher wird.
Solange die ganze Darstellung innerhalb einer Armlänge erreichbar ist, kann das Bild ohne Probleme während der Arbeit überprüft werden. Man kann den Kopf still halten und das Entstehen des Motivs mit einem Auge aus dem anamorphotisch richtigen Standpunkt beobachten.
Erreicht die Darstellung eine Grösse, die eine Armlänge übersteigt, ist es nicht mehr möglich das Schaffen aus dem anamorphotisch richtigen Blickwinkel zu beobachten und man muss immer wieder Unterbrechungen einlegen, um die Arbeit aus dem richtigen Standpunkt zu überprüfen.

Projektion

Eine dieser Vorgehensweisen ist die Projektion. Dabei wird eine Folie, die ein Motiv auf sich trägt, mit einer nicht zu grossen Lichtquelle beschienen. Das Motiv wirft dann einen Schatten in den Raum, der aus dem Standpunkt der Lichtquelle genauso aussieht wie das Bild auf der Folie.
Der Schatten ist eine Anamorphose des Bildes auf der Folie aus dem Standpunkt der Lichtquelle.
Um dieses Verfahren auszuprobieren, malte ich mit wasserfestem Filzstift ein beliebiges Motiv auf eine Plexiglasscheibe. Diese wurde dann in meinem Zimmer aufgehängt und mit einer Taschenlampe beschienen (Abb. 23).


Dabei musste beachtet werden, dass die Taschenlampe und die Plexiglasscheibe fixiert sind, damit sie sich nicht zu stark bewegen. Jede kleine Bewegung der Plexiglasscheibe hätte eine etwas grössere Bewegung des Schattens nach sich gezogen.
Den Schatten des Motivs markierte ich im Raum mit Klebeband.
Bei dieser Vorgehensweise war es wichtig das Zimmer abzudunkeln, damit sich die Projektion deutlicher vom Untergrund abhob. So konnte ich den Schatten besser erkennen, der abgeklebt werden soll.
Wenn sich die technischen Mittel dieses Verfahrens verbessern lassen, ist es eine gute Vorgehensweise um relativ schnell und einfach auch etwas grössere Anamorphosen zu erstellen.
Aus Interesse und Neugier experimentierte ich noch mit anderen Vorgehensweisen. Dabei wollte ich auch sehen, ob sich, abgesehen von der Projektion, noch ein anderes Verfahren für die Umsetzung relativ grosser Anamorphosen eignet.

Kamera-App

Auf meinem Handy hatte ich eine App, mit welcher ich das Gerät als Fernauslöser für die Kamera verwenden konnte. Mit dieser App war es mir möglich auf meinem Handybildschirm zu sehen, was die Kamera aus ihrem Standpunkt sieht. Diesen Effekt wollte ich nutzen und damit eine neue Vorgehensweise um Anamorphosen zu erstellen testen.
Dafür habe ich, wie bei der Projektion, ein Motiv als Vorlage auf eine Plexiglasscheibe gemalt und diese Plexiglasscheibe vor der Garage aufgehängt. Die Kamera ersetzte die Taschenlampe des letzten Vorgehens (Abb. 24).


Nun sah ich nicht mehr wo der Schatten des Motivs auf der Plexiglasscheibe im Raum hinfiel, konnte dafür aber den Ausblick der Kamera auf meinem Handybildschirm sehen. Nämlich das Bild der Plexiglasscheibe in der Garage.
Die Linien des Motivs übertrug ich mit Kreide auf den Garagenboden. Dabei orientierte ich mich ausschliesslich an meinem Handybildschirm und kontrollierte, dass sich die gemalten Kreidelinien und die Linien der Vorlage darauf überdeckten.
So konnte ich mich frei im Raum bewegen, ohne mit meiner Sicht den Standpunkt der Kamera zu verlassen.
Dies ermöglichte mir während dem Malen ein ständiges überprüfen des Bildes, ohne dass ich dafür Unterbrechungen einlegen musste.
Diese Vorgehensweise war theoretisch gut, eignete sich praktisch jedoch weniger.
Während dem Malen wurden meine gezogenen Linien von jenen der Vorlage überdeckt. Dadurch wurde das Erkennen der eigenen Linien auf dem Bildschirm erschwert. Auch wurde das Bild mit zunehmender Distanz zur Kamera auf dem Display kleiner. Deshalb konnte ich Details in der Ferne nicht genau sehen und das Bild wurde immer weniger exakt.
Trotzdem hat mir dieses Experiment mit der Idee für eine der Umsetzungen geholfen.

Raster

Im Internet stiess ich auf eine weitere verbreitete Vorgehensweise um Anamorphosen zu erstellen. Dabei werden Raster als Hilfsmittel eingesetzt.
Auf ein Blatt Papier wird ein Raster gemacht. Dann wird das Papier gekippt (Abb. 29) wobei das Raster durch die Perspektive verzerrt wird.


Anschliessend wird das verzerrte Raster auf ein separates Blatt abgezeichnet. Im verzerrten Raster wird unverzerrt ein Motiv markiert, welches später den Inhalt der Anamorphose darstellen soll (Abb. 28 links).
Anhand der Schnittstellen mit dem verzerrten Raster kann das Motiv ins unverzerrte Raster übertragen werden (vgl. Abb. 28).
Dabei wird die Darstellung so deformiert, dass sie aus einem bestimmten Standpunkt genauso aussieht, wie das Bild, welches unverzerrt in das verzerrte Raster gezeichnet wurde (Abb. 31).
Mit dieser Vorgehensweise konnte ich ein Papierschiffchen in meinen Kleiderschrank malen.
Dabei habe ich als Vorlage nicht ein Bild in ein verzerrtes Raster gezeichnet, sondern ein Objekt auf das unverzerrte Raster im Schrank gelegt. Anschliessend wurde das Objekt aus einem bestimmten Standpunkt fotografiert (Abb. 32).


Um das Bild anamorphotisch richtig in den Schrank zu malen, konnte ich mich nun an den Schnittstellen auf dem Foto, welche das Raster und das Objekt bildeten, orientieren.
Das Raster kann auch im Raum als Hilfsmittel verwendet werden.
Mit Klebeband habe ich ein unverzerrtes Hilfsraster in einer Ecke meines Zimmers markiert (Abb. 36).


Aus einem bestimmten Standpunkt zeichnete ich dieses Raster perspektivisch verzerrt ab. Ins neue, verzerrte Raster skizzierte ich ein Fenster (Abb. 37).
(Abbildung 37 zeigt meine Vorlage, welche ich als Hilfsmittel für die Umsetzung der Anamorphose (Abb. 38) verwendete.
(Die farbige Uhr in den Abbildungen 36 und 38 hat nichts mit dem Experiment zu tun. Sie ist nur Dekoration im Zimmer.)
Mit schwarzem Gewebeband konnte ich jenes Fenster anamorphotisch in das unverzerrte Hilfsraster kleben, indem ich mich an den Schnittpunkten des Rasters mit den Linien des Fensters auf der Vorlage orientierte.
Aus dem Standpunkt, aus welchem ich das Raster perspektivisch verzerrt abgezeichnet hatte, wurde so ein geöffnetes Fenster erkennbar (Abb. 38). 
Dieses Verfahren ermöglicht ein flexibles und von anderen Hilfsmitteln unabhängiges Arbeiten. Bei dieser Vorgehensweise dient das Raster als Anhaltspunkt um sich im Raum zu orientieren. Je feiner das Raster ist, desto genauer können die Details des Motivs ausgearbeitet werden. Jedoch verschmelzen engere Raster perspektivisch verzerrt auch schneller ineinander, sodass sie sich nicht mehr auseinanderhalten lassen. Die richtige Grösse des Rasters ist entscheidend für ein gutes Gelingen der anamorphotischen Umsetzung.
Trotz eines geeigneten Rasters muss das Bild immer wieder aus dem anamorphotisch richtigen Standpunkt überprüft und dafür Unterbrechungen eingelegt werden. Daher eignet sich dieses Vorgehen für grosse Anamorphosen weniger gut als die Projektion.

Laser-Pointer

Bei der letzten Vorgehensweise, die ich erprobt habe, benutzte ich einen Laser-Pointer als Hilfsmittel.
Erst wurde das ganze Motiv auf einer Fensterscheibe markiert. Das Ziel war es, einen Teil des Motives in den dahinterliegenden Balkon zu übertragen. Um dies zu erreichen, setzte ich einen Laser-Pointer ein. Von einem festgelegten Standpunkt aus zielte dieser Laser-Pointer, knapp an der Fenstermarkierung vorbei, in den Balkon (Abb. 39).


Die Bewegung des roten Laser Punktes auf dem Balkon gab an, wo die Konturen der Figur durchführen mussten. Nun ergaben die Punkte der Markierung auf dem Balkon und diejenigen der Markierung auf der Fensterscheibe aus dem richtigen Blickwinkel ein anamorphotisches Bild (Abb. 40).
Für dieses Verfahren war ich auf einen guten Helfer angewiesen, der mit dem Laser-Pointer die Markierung auf der Glasscheibe verfolgte, damit ich auf dem Balkon mit Klebeband dem roten Laser Punkt folgen konnte.
Diese Vorgehensweise funktioniert, um eine Anamorphose umzusetzen. Jedoch ist sie recht mühevoll und hat viel deutlichere Nachteile als die Projektion.